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Rezension: Arcade Fire – The Suburbs

Rezension: Arcade Fire - The Suburbs

Vororte, besonders die nordamerikanischen, sind hinsichtlich der Repräsentation einer Stadt selten die erste Assoziation. Wer an New York denkt, denkt an verspiegelte Türme, die Wolken durchlöchern, Blechlawinen, in denen es kein Vor und kein Zurück gibt. Wer an Boston denkt, denkt nicht an streng gegliederte Reihen von steinernen Privatparadiesen mit Garten, Auffahrt und Auto, wie maschinell in die Landschaft gestanzt, gleichsam isoliert von und eingebunden in das Raster der “All-American City”. Gleiches gilt für Houston, wo Win Butler, Sänger von Arcade Fire, seine Kindheit und Jugend verlebte.

Wo er in der Schaffenspause nach dem letzten Album „Neon Bible“ neue Geschichten sammelte, alte wieder ausgrub und einen Ort sah, den viele Millionen Menschen an verschiedenen Flecken, in vielen verschiedenen Leben, dennoch recht ähnlich kennengelernt haben dürften. Bereits seit einigen Jahren steht Suburbia im Fokus kreativer Kritiker, die den schönen Schein und die Fassaden der “Upper Middle Class” torpedieren. Doch Stereotyp hin oder her: Denkt man an amerikanische Filme, die Kindheit und Jugend ihrer Protagonisten aufgreifen, so ist uns dieser Ort oft merkwürdig vertraut.

„The Suburbs“, das ist ein Konzeptalbum über einen Mikrokosmos enormer Ausmaße. Persönliche Geschichten, individuelle, aber durch ihre Umgebung allgemeingültig. Altbekannte Geschichten zwischen Holzzäunen und Schleichpfaden, aber ohne Einblick für die Öffentlichkeit. Fast schon Ironie des Schicksals, dass „The Suburbs“ vom Management der Band energisch zurückgehalten und behütet wurde, nur um dann vorzeitig doch den Weg über die Tauschbörsen zu nehmen. Also rauschten viele schneller als erlaubt durch die Vororte, zuerst ohne Eindrücke und ohne Einblicke. Hält man sich regelmäßiger hier auf, entschlüsselt sich das Einseitige. Vor allem nah am Vorgängerwerk erscheint „The Suburbs“ zu Beginn, in seiner zurückhaltenden Produktion. Die große Orgel tritt bereits für den einladenden Opener und Titelsong zurück. Streicher und Klavier unterstreichen eine neue Einfachheit, die nicht wie zuletzt dann doch schlussendlich im ganz großen Bombast aufgelöst wird, sondern trotz Dramaturgie in vielen Songs eine gewisse Leichtigkeit erhält.

Dadurch fehlt es der Musik aber nicht an Konsequenz und Durchschlagskraft. Die zugewachsenen, vollends mit Klang aufgeladenen Stücke, die langsam aufgehenden „Rococo“, „Half Light I“ oder das herrlich pessimistische „Surburban War“ leben von ihrem spätem Wachstum. Und an nachfühlbarem Pessimismus mangelt es nicht. Der zunehmende Verfall früherer Idylle bestimmt die Gedanken und Texte der Eheleute Butler/Chassagne auf „The Suburbs“. Der verwilderte Garten, die Lücken in den Ziegeln auf dem Dach, immer wieder wird ein trauriges, aber respektvolles Resumée gezogen: „My old friends, I can remember when / You cut your hair, I never saw you again“. Dazwischen reiht sich immer wieder Temporeiches, reißt mit und wirbelt das Album für kurze, intensive Momente auf. „Empty Room“ ist etwa schon vorbei, bevor man sich die Frage erlaubt, mit welchem Recht da so kräftig zugepackt wurde.

Und dann sind da auf einmal auch noch Beats. Im von Régine Chassagne grandios gesungenen, von einem durchdringenden Rhythmus und bis dato untypischen Plastiksynthies getragenen „Sprawl II“ findet das großartige finale Drittel des Albums einen letzten Höhepunkt. Und wie musikalisch, so verhält es sich auch inhaltlich: Wo die eigene Jugend verstanden wird, beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem Erwachsensein. „So can you understand, why I want a daughter while I’m still young? / I wanna hold her hand / And show her some beauty / Before this damage is done“. Vom Verfall der Idylle inspiriert, ist Arcade Fire ein drittes herausragendes Album gelungen. Vielleicht ihr strukturiertestes, aufgeräumtetes Album, definitiv aber das mit den bisher reifsten Erkenntnissen.

Wertung: 84

Label: City Slang

Referenzen: The National, The Antlers, The Middle East, Alcoholic Faith Mission, The Decemberists, Modest Mouse

Links: Homepage,  Myspace

VÖ: 30.07.2010


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6 Kommentare zu “Rezension: Arcade Fire – The Suburbs”

  1. [...] „Und wie musikalisch, so verhält es sich auch inhaltlich: Wo die eigene Jugend verstanden wird, beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem Erwachsensein. „So can you understand, why I want a daughter while I’m still young? / I wanna hold her hand / And show her some beauty / Before this damage is done“. Vom Verfall der Idylle inspiriert, ist Arcade Fire ein drittes herausragendes Album gelungen. Vielleicht ihr strukturiertestes, aufgeräumtetes Album, definitiv aber das mit den bisher reifsten Erkenntnissen.“ (auftouren.de). [...]

  2. [...] nichts anderes übrig, denn es herrscht musikalisches Sommerloch. Außer der grandiosen Alben von Arcade Fire (VÖ 30.07.) und Baths (06.08.) erscheint momentan nicht viel, worüber es sich zu bloggen lohnte, [...]

  3. [...] 156000 mal. Ein Album, auf das sich auch bei uns alle einigen konnten: Arcade Fire lieferten mit „The Suburbs“ einen – wie es sich doch so gern und plump im Promo-Fachjargon schimpft – Chartstürmer [...]

  4. [...] noch so am Herzen liegt. Aber nun zu den wichtigen Dingen: In der Verlosungstrommel befinden sich Arcade Fire (2xLP), Caribou (2xLP), The National (Expanded CD Edition), Shirts und 7-Inch-Splits von Menomena [...]

  5. Jan sagt:

    schöne rezension, liest sich auch nach mehr Punkten, die ich gegeben hätte ;-) hab sie kürzlich live gesehen, für mich ist das ohne frage die beste aktive band zurzeit :)

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