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Rezension: Mount Kimbie – Crooks & Lovers

Rezension: Mount Kimbie - Crooks & LoversEin Blick in die Ramschläden der Nation offenbart viel über eine Ästhetik, die längst wie ein Generalbass nicht nur das Prekariat, sondern einen Großteil des privaten Lebens der Deutschen untermalt. Grell muss es sein, etwas kitschig und auf eine schreckliche Weise so gewöhnlich, dass man sich beispielsweise im dänischen Nachbarland wie auf einem anderen Planeten wähnt. Während dort sogar eigene Gratismagazine die architektonische und visuelle Zeitgemäßheit thematisieren, glühen im hiesigen KingBillig besonders die güldenen Accessoires an der Ladenkasse. Ein Phänomen, dass sich auch ebenbildlich in der Musik wiederfindet: Abstrakte Elektronik, buschige Klangwälle und klinische Aufgeräumtheit versprühen immer noch das Parfüm von nerdiger Hochkultur, von sperriger Avantgarde. Berührungsängste sind da nicht ausgeschlossen.

Das englische Duo Mount Kimbie widersetzt sich mit ihren digitalen Klangwelten bewusst der bloßen Reproduktion von Stereotypen. Bereits die gigantische „Maybes EP“ im letzten Jahr mit dem Titeltrack, einer spukenden, freundlich verhallten Dubstep-Nummer mit flatterhaften Stimmsamples, begeisterte mit dem enormen Wissen, das zwischen den Einzeltönen mitschwang. Von den ambienten Raumerkundungen der 90er, bis zum knisternden, statisch aufgeladenen Experimenten seiner englischen Kollegen und modernen Entwicklungen in Dubstep und Elektronik war diese EP eine komprimierte Vision, die Gestern und Morgen in Einklang zu bringen vermochte.

Um es jedoch kurz zu machen: Ein Hit wie „Maybes“ ist auf „Crooks & Lovers“ nicht zu finden, dabei wäre es für die versierten Musiker ein Leichtes gewesen, lustvoll Samples zu türmen und fokussierte Songs zu schreiben, die eingängig und schillernd den Sommer verfeinert hätten. Mount Kimbie gehen den umgekehrten Weg, wühlen lieber im Restgeräusch und malen mit Prismen aus Grau, anstatt der Farbigkeit und Fröhlichkeit anheim zu fallen. Man muss genauer hinschauen, genauer hinhören, denn hier wird viel mehr verhüllt und vertuscht als geöffnet und präsentiert. Die Atmosphären sind flüchtig, nie monumental und überhaupt ist die Leichtigkeit und das Filigrane das Besondere dieses Albums, das sich zurücknimmt und nur auf losem Geäst knispeligen Rollsplit und feinverspiegelte Beats präsentiert. Wo konkret, das lässt sich nicht genau lokalisieren, zu unübersichtlich sind die verwinkelten Räume, in denen Mount Kimbies Beats verhallen, zu versteckt die Nischen, aus denen Rauschen und Stimmversatzstücke quellen. Bei „Blind Night Errand“ bahnt sich der Rhythmus seinen Weg, wirbelt einen wobbelnden Dub auf und sammelt sich in den letzten vierzig Sekunden in einer lieblichen Melodie. Das aufstiebende „Before I Move Off“ gleicht einem mehrfachcodierten Mysterium. Klackernde Beats, Gefühle, die sich schwimmend oder vaporisiert verlieren, zerstäubt und verteilt auf mehrfach gefilterte Samples. Vage, verschwommen, unfassbar im Wortsinne entzieht sich dieses Album einer stimmigen Beschreibung und wäre ein exzellenter Soundtrack für künstlerische Science-Fiction-Filme mit geisterhafter Optik und literweise Regen aus Gießkannen. Dieses Debüt ist ein fragiles Gebilde, das sich von aller Schwere befreit und sein Heil in der Schwerelosigkeit sucht und somit (Hör)Räume anbietet, die Erkundungen offen stehen und Assoziationen einfordern. Jeder darf interpretieren, erkennen, verwerfen.

Die Lesarten sind dabei nur von den eigenen Empfindungen beschränkt: All die Überbleibsel der Kindheit, das Unverdaute und Nicht-Begriffene, der industrielle Nachhall, die postmodernen urbanen Strukturen oder die Phantasmen einer U-Bootfahrt in die klirrend kalten ozeanischen Tiefen. Repetitive Muster wie beim Gratistitel „Field“ sind Nährboden für das Ausklingen, für das Treibenlassen – ohne, dass „Crooks & Lovers“ auch nur den Hauch von anbiedernder Esoterik besitzt. „Field“ kippt auf der Hälfte ins Tänzelnde, verbindet Handclaps mit pluckernden Beats und Geräuschen, deren Ursprung ein sprudelndes Leck im Hinterkopf des Laptops zu sein scheint. „Mayor“ hingegen ist ein störrischer Post-Dubstep-Titel, randvoll zugestopft mit Details und Ideen, ohne dabei kopflos zu wirken. Überhaupt wirkt auf diesem Album alles konstruiert und niemals so wirklich intuitiv und spontan, was wirklich emotionale Zugänge etwas hemmt, dafür aber unendlich klug Strukturen und Brücken nutzt, um möglichst uneindeutig zu bleiben. „Crooks & Lovers“ ist nicht wirklich tanzbar, aber auch nicht das Gegenteil. Es ist kein Dubstep mehr, aber erst recht kein gradliniger Techno – auch die sphärischen Geräuschbestandteile sind weder bloße Stimmungsdekoration noch bilden sie in ihrem staubigen Tun eine standfeste Unterlage. Es ist ein modernes Elektronik-Album, so mysteriös, vielschichtig und trügerisch wie kristalliner Treibsand.

Wertung: 86

Label: Hotflush

Referenzen: James Blake, Scuba, Burial, Joy Orbison, Echospace, Clubroot, Digital Mystikz, Aphex Twin, Warp, Type

Links: MySpace

: 23.07.2010


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3 Kommentare zu “Rezension: Mount Kimbie – Crooks & Lovers”

  1. René sagt:

    Gude Pladde! :)

  2. [...] zu verbuchen waren: Höchst erfreut aufgenommen wurden die organischen Beatentwürfe von Mount Kimbie, der höllische Bastard von Grinderman, die wieder roher aufspielende Band um den großartigen [...]

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