Plattenkritiken


Rezension: Jamie Lidell – Compass

Rezension: Jamie Lidell - Compass

Jamie Lidell, der Fuchs, die Rampensau, der Wunderknabe, der Sexy Motherf****r. Nach seinem letzten Album “Jim” kamen doch tatsächlich vereinzelt Anschuldigungen auf, er wäre zu konservativ geworden, versuche jetzt nur noch mit anachronistischem Retrosound seinen persönlichen Anteil am grassierenden Soulrevival um Amy Winehouse und Konsorten abzuschöpfen.

Dabei hatte hier jemand, dem man musikalischen Stillstand nun wirklich nie zum Vorwurf machen konnte, einfach mal seiner Vorliebe für klassische Songstrukturen und tighte Orchesterarrangements unverkrampft freien Lauf gelassen und dabei das Kunststück vollbracht, mit einer so vergangenheitsbehafteten Musik wie Soul ganz im Hier und Heute verortet zu klingen.

Mit dem Nachfolgewerk geht Lidell nun noch einmal zwei Schritte in der Musikgeschichte zurück, strippt den Sound auf seine wichtigsten Komponenten herunter, kokettiert mit Gospel- und Blues-Elementen bis man sich stellenweise in die sumpfigen Mangroven des Mississipi-Deltas versetzt wähnt, nur um dann mit einem schwungvollen Roundhousekick alles Dagewesene wieder zu zerstören, bis die Nadel des namensgebenden “Compass” endgültig nur noch frei dreht. Wenn man so will, kann man dieses Album als die Quintessenz des multiplen Schaffens Jamie Lidells sehen. Hier ist irgendwie alles vorhanden: Der mal ganz und gar nicht ungelenke Funk, der sein Solodebüt “Multiply” so verblüffen ließ, der herzhafte aber geschmeidige Soul “Jims” und nicht zuletzt der Wille zur Dekonstruktion, der sein Schaffen mit Super_Collider im Wesentlichen auszeichnete.

Lidell nimmt sich die afroamerikanischen Blueprints moderner Popmusik und zerlegt sie grob in ihre Einzelteile, um daraus einen fantastischen Abenteuerspielplatz zu basteln, der wie fast alle spaßigen Dinge im Leben wagemutig jeder zentraleuropäischen Vernunfts- und Sicherheitsvorstellung trotzt – scharfe Kanten, überstehende Nagelköpfe und Holzsplitter inklusive. Ob die Art des Zersägens dabei eine analoge oder digitale ist, spielt keine Rolle, denn vereinzelnd holpernde Clicks und Cuts, wie zum Albumauftakt in “Completely Exposed” finden hier genauso ihren Platz wie ein aus allen Wolken fallendes Saxofon in “Coma Chameleon”. Doch obgleich es hier allen Stellen gewaltig scheppert und aus dem Rahmen zu laufen droht, bleibt “Compass” ein lupenreines Popalbum. Jamie Lidell lässt den Versatzstücken, aus denen er seinen Mutanten zimmert immer genügend Luft zum Atmen und verzichtet angenehmerweise auf übertriebene Cleverness. Das hier ist Musik aus dem Herz und aus der Hüfte, die bei allen Schräglagen und Stolpersteinen letztendlich doch nur eine Steilvorlage für die großartig glamouröse Jamie-Show geben soll. Der singt, kiekst und entertaint sich nämlich mit einer Inbrunst und Ausstrahlung durch diese rund 50 Minuten, die selbst illustre Gäste wie Leslie Feist, Beck oder Grizzly Bears Chris Taylor in die Rolle des Zuarbeiters verdammt und in keiner Sekunde Zweifel daran herrschen lässt, wer auf dieser Platte den Ton angibt.

Regeln sind hier letztendlich trotzdem nur dazu da, um gebrochen zu werden. Selbst dann wenn man sie kurz zuvor erst aufgestellt hat. So passt es schließlich auch ganz wunderbar ins Bild, dass inmitten dieses so eleganten wie holprigen Wahnsinnsrittes plötzlich das Titelstück samt Ennio-Morricone-Bläsern den Sonnenuntergang sowie die bisher tollste Ballade in Lidells bisheriger Karriere markiert, nur um dann doch noch in staubtrockenem, unwirtlichen Getrommel zu versiegen. Spätestens jetzt spielt er nämlich eh in seiner ganz eigenen Liga, Jamie, der Tausendsassa.

Wertung: 85

Label: Warp (Roughtrade)

Referenzen: Prince, TV On The Radio, Beck, Stevie Wonder, Ray Charles, Marvin Gaye, Curtis Mayfield, James Brown

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 07.05.2010


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2 Kommentare zu “Rezension: Jamie Lidell – Compass”

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