jjjj n° 3

„jj n° 3“ beginnt nichts Gutes verheißend. Eine rauchige Stimme mit minimaler Autotune-Verfremdung am Rand intoniert andächtig „Dear Lord, you done took so many of my people / I’m just wonderin‘ why you haven’t taken my life / Like what the hell am I doin‘ right?“, perfekt untermalt von melancholischem Pianospiel. Die Worte in „My Life“ jedoch hat sich nicht das Duo ausgedacht das vielen von uns letztes Jahr mit „jj n° 2“ einen unverhofften Sommertraum bescherte, sie sind dem gleichnamigen Stück des US-Rappers The Game entnommen und werden dort von Lil Wayne, jjs großes Idol dessen „Lollipop“ sie bereits so grandios zu „Ecstasy“ vernebelten, gesungen. Gen Ende der Ouvertüre schweift die Stimme in ein Kinderlied-artiges „Na na na na na, it goes around the world“ ab, auch hier sind Text und Melodie anderswo entwendet worden: einer käsigen Eurodance-Produktion aus den Fingern Alex Christensens.

Alles nur geklaut also? Dies ist gewiss nicht die einzige Stelle, an der ohne Wissen (oder Googeln) schwer auszumachen ist was auf dieser Platte Zitat ist, was Referenz und was gänzlich originär. Ist das „My Heart Will Go On“ in „My Way“ z.B. ein Celine-Dion-Zitat? Klarer schon „Voi Parlate, Io Gioco“ (Sie reden, ich spiele), dass dieses Zitat des Fußballers Zlatan Ibrahimovic sampelt bevor Kastlander mit „sue us, sue us“ geradezu herausfordert; In „Into The Light“ ist auch der erregte italienische Livekommentar zu einem seiner Tore als er noch bei Inter Mailand spielte zu hören. Spätestens hier wird klar: jj geben nicht fremde Werke als ihre eigenen aus, hier wird  im höchsten Maße rekontextualisiert. Raphymnen werden in New-Age-Gewänder gekleidet und Sporteuphorie in ätherische Popträume injiziert. Zudem macht das Duo, im Gegensatz zu Debattiersubjekten des deutschen Literaturfeuilletons, u.a. auf seinem Blog keinen großen Hehl darum dass es sich mit Lust und Laune an seinen Idolen und Passionen bedient. Offenheit, die scheinbar im Widerspruch steht zu dem Mysterium, das das letztes Jahr noch anonyme Duo umgab, mittlerweile aber gelüftet ist.

So steht nun fest, dass die Stimme der löwenmähnigen Elin Kastlander gehört und dass jj entweder für „Jules & Jim“ steht oder kurz für „Joakim och Jag“ (Joakim und Ich) ist. Joakim Benon ist die andere Hälfte des Duos, war nicht nur auf dem (mit eigenem) Blut verschmierten Cover der ersten jj-Veröffentlichung „jj n° 1“ zu sehen, sondern wie seine Partnerin im dazugehörigen Video sowie den meisten anderen seitdem. Kein Versteckspiel also, von Beginn an war sichtbar wer dort alle seine Träume, Passionen und (nicht nur via Marihuana-Artwork) Exzesse offenbarte. Ähnlich verhält es sich schließlich mit ihrer Musik, auch auf diesem Nachfolgealbum immer noch traumhafter Pop aus der Glücksstadt Göteborg in bester Saint-Etienne-Huldigungstradition ihrer geographischen und Label-Nachbarn auf Sincerely Yours, Air France oder The Tough Alliance (die, kaum überraschend, ebenfalls von jj zitiert werden). Die gibt per se wenig mehr her als beim ersten Hören auszumachen ist, hat keine verborgenen Schichten, keine schwer durchdringbare Produktion, keine sonderlich komplexen Arrangements. Der Triumph von „jj n° 2“ war, dass die simple, warme Freude die es ausstrahlte auch bei dutzendmaligem Hören nicht verfliegen wollte und es ihm auch nach Sommerende gelang, Erinnerungen an nie gesehene Sandstrände zu erwecken.

Nun also, kein volles Jahr später, das zweite Album, mit Songs die nicht seitdem, sondern zeitgleich zu denen des ersten entstanden. Das wird nach dem düsteren Anfang auch deutlich, sofort klart der Himmel auf und die sanfte Mischung aus Mittelmeergitarre, sanften Handtrommeln, sanft pochenden Elektronikbeats und funkelnden Synthsprenkeln ergießt sich über die Hörer, je nachdem ergänzt durch Wellenrauschen, Mundharmonika oder, um Enya-Assoziationen noch unausweichlicher zu machen, eine Panflöte. Zumindest anfangs wirkt „jj n° 3“ wie eine nahtlose Fortsetzung, leider zeigt sich im Verlauf des Albums zunehmend dass die besseren Songs des Duos bereits verbraucht sind. Kein „Masterplan“ oder „My Hopes And Dreams“ findet sich in der zweiten Hälfte, dafür halbgare, emotional verpuffende Angelegenheiten wie „Golden Virginia“ oder „Light,“ das mit der ohne verfügbaren Kontext höchst fragwürdigen Textzeile „Tell me, where would I be if you had the right to choose?“ aufwartet.

Auch nach den vielen Covern, die jj um den Jahreswechsel in Rap-Mixtape-Manier als Videos und Mp3s im Netz verstreuten und die teils wunderbar soulig oder himmelstürmend ausfielen, wirkt „jj n° 3“ im Vergleich wie eine Enttäuschung. Vielleicht wird sich das noch etwas ändern wenn denn tatsächlich der Sommer ausbricht. Dass jjs neues Werk die hohen Abspielzahlen seines Vorgängers erreichen wird, ist aber zu bezweifeln.

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Label: Secretly Canadian

Referenzen: Saint Etienne, Lil Wayne, Enya, Air France, Beach House, The Tough Alliance, The Honeydrips, Boat Club

Links: Albumstream, Label (US), Label (SWE)

VÖ: 12.03.2010

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