Plattenkritiken


Montags-Preview: Lali Puna – Our Inventions

Montags-Preview: Lali Puna - Our Inventions

Romantik entsteht nur im Kleinen, im Überschaubaren und Intimen. Nie in der großen Hektik dieser sich immer schneller drehenden Welt der rumposaunenden Krachmacher. Romantik ist auch immer das Ideal des Glückes in seiner reinsten Form, die natürliche Essenz des Lebens, die verklärungswürdige natürliche Ordnung, die sich so rar macht, dass eben diese Momente so besonders sind. Auch Lali Puna (die kindliche Form für „Valerie aus Pusan“ auf koreanisch) aus Weilheim suchen seit gut zehn Jahren nach dieser Balance, die intensiv und begehrenswert erscheint. Es herrscht die Flucht nach Innen vor, in kleine Songminiaturen, die die Flüchtigkeit des Augenblicks einzufangen und in ihnen Momente des Glücks zu eröffnen versuchen. Es ist eine liebenswerte und zutiefst nette Welt, frei von Sorgen, die sich gern in der Erinnerung der positiv gewandten Vergangenheit suhlt.

Remember the small things ist das immanente Motto, vorgetragen in der appellativen Form und doch ohne dominante Struktur, schließlich flüstert Sängerin Valerie Trebeljahr in bloßer Schüchternheit. Nichts ist hier laut, nichts aufdringlich und so mancher könnte nach vier Songs dieses Album als bloße Tapete abtun, als Nichtigkeit, die sich jeder Aufmerksamkeit freiwillig verweigert. Und so falsch liegt man hier auch nicht, diese musikalischen Nebelschwaden sind eher flüchtig als monumental, dabei immer greifbar und übersichtlich – schließlich haben Lali Puna ihre musikalischen Weichen längst gestellt und lassen ihre Songs scheinbar genüsslich in endlosen Schleifen ihre Runden drehen. Kaum eine Band hat in Deutschland, ja vielleicht weltweit, den Begriff des Indietronic so geprägt wie diese Truppe aus dem Notwist-Umfeld. Und dennoch ist es etwas schade, dass sich hier auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht wird und der musikalischen Evolution entsagt wird. Lali Puna klingen 2010 wie 2004.

Besonders deutlich wird dies in „Our Inventions“. Fast ambient ist die Stimmung, die mit ein paar digitalen Kratzern versehen wird, während die Moogs in gewohnt unberechenbarer Schönheit irrlichtern. Dazu die Stimme Trebeljahrs, die sich jeglicher Wahrnehmung und Phonogenität durch eine fast gefühlstote Unaufdringlichkeit entzieht – obwohl vermutlich das Gegenteil angedacht ist und das Restgefühl auch paradoxerweise eine sehr menschliche und warme Aura gebiert. Alles ist im Fluss, dicht, aber auch licht. Die größte Errungenschaft Lali Punas ist immer noch der wunderbar entrückte Zustand der Schwerelosigkeit, den sie ihn ihre Songs einflechten. Pluckernde Beats, Melodien mit unbekanntem Ziel, die für einen Moment vergessen lassen. Einen kurzen nur, wenn so Songs wie „Remember“ (gratis via Tonspion) ihre ganz eigene Isolation, ihre eigene Zeitinsel schaffen.

Leider gilt dies nicht für den Großteil der Songs. Die Tiefenwirkung des gelungeneren Vorgängers „Faking The Books“ verliert hier etwas an Wirkkraft, was auch die atmosphärische Dichte ebenso wenig wie die angesprochene Leichtigkeit nicht auffangen kann. Viel zu viel bleibt zu vage, zu wenig griffig wie das auffällige und das Zeitgemäße adaptierende “Move On”, dem stärksten Titel auf “Our Inventions”. Der Anteil analoger Instrumente wurde wieder zurückgefahren, die Rockmusik, die noch „Faking The Books“ auszeichnete wurde wieder in die minimalistisch-elektronische Schiene gebogen. Lali Puna puhlen abgerissene, sphärische Fetzen von der Festplatte, kleben trocken-pulsierende Blättchen auf die Songs, wie beim stimmigen „Everything Is Always“, dessen hypnotische Oberflächentextur die beruhigte Gesamtstimmung aufbricht und so den Fluss des Gleichklangs stoppt, dem sich hier leider zu oft und zu bedingungslos untergeordnet wird.

Wertung: 60

Label: Morr

Referenzen: Contriva, The Notwist, Tied & Tickled Trio, Ms John Soda, To Rococo Rot, Console, Guther, Tarwater, The Go-Find, Masha Qrella, B. Fleischmann

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 09 04. 2010


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Ein Kommentar zu “Montags-Preview: Lali Puna – Our Inventions”

  1. [...] in dieser lauten Welt zurückgenommen und bescheiden wirkt 02. …weil es an hinreißende Alben von Lali Puna und Postal Service erinnert 03. …weil die Melancholie nie bedrückend wird 04. …weil die [...]

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