Plattenkritiken


Montags-Preview: Jónsi – Go

Montags-Preview: Jónsi - Go

Für musikalische Alleingänge gibt es bei genauer Betrachtung nur drei legitime Gründe: 1. Die Überbrückung finanziell schwieriger Zeiten, 2. Die Verwertung bisher unveröffentlichten Materials, das zu schade ist, nie eingespielt zu werden und 3. Das Ausbrechen aus dem Bandgefüge, um Kompromissen zu entgehen, die Experimente und die Entfaltung des eigenen Egos unterbinden.

Bei Jónsi Þór Birgissons, Frontmann der isländischen Formation Sigur Rós, trifft gewiss eine Kombination vor allem aus den ersten beiden Gründen zu. Seine Band pausiert nach kräftezehrenden Tourneen auch aus familiären Gründen, viele unfertige Skizzen schlummern im Kopf und man vergisst nur allzu oft bei einer derart privilegierten Band (große Fangemeinde, wohlwollende Kritik, erfolgreiche Touren und Albenverkäufe), dass die finanzielle Sorglosigkeit bei einem derart antizyklischen Geschäft wie des Musikmachens vielleicht nicht immer vorherrscht. Möglicherweise geizt der Kühlschrank tatsächlich nicht mit Leere, so dass ein Soloalbum eine durchaus gute Gelegenheit bietet, sich und die Familie ein paar weitere Monate durchzubringen. Schließlich geht auch die Entscheidung für die Musikkarriere oft mit dem Bruch der beruflichen einher und die Vorfinanzierung des restlichen Lebens ist bei den heutzutage üblichen Erfolgsstafetten wohl eher die Ausnahme.

So gut aber auch die Gründe für ein Solo-Projekt sein mögen, so häufig geht das Ergebnis mit einer Enttäuschung einher. Eine Grundskepsis ist also weit verbreitet. Auch im Falle von Jónsi Þór Birgisson, von dem wir natürlich nicht wissen, wie es um sein Konto bestellt ist. Mit flatternden Samples, Perkussion und Flötentönen nimmt er jedoch bravourös den Kampf gegen die Vorurteile auf, startet mit „Go Do“ und einem fröhlich umher tänzelnden, erquickten Klang, der eine ziemlich bruchlose Fortführung dessen ist, was auf dem letzten Sigur Rós-Werk eine neuerliche Spannung ins Schaffen der Band implementiert hat: Die Lebendigkeit, die der ätherischen Qualität der langsamen und melancholischen Songs einen wohltuenden Kontrast entgegensetzt.

Überhaupt wäre es kaum einem aufgefallen, würde das Label seiner Hauptband auch über diesem Werk stehen, schließlich war es immer schon seine krude Stimme, die den Tracks eine übergreifende Fassung gegeben hat – und der man auch kaum anmerkt, ob die Sprache, in der da gesungen wird, isländisch oder englisch ist. Zwar mag die neugewonnene Unruhe ein impulsgebender Antrieb sein, jedoch ist auf „Go“ kein zielloser Drang nach Veränderung auszumachen, die Neuerungen bleiben auf Details beschränkt. Hier ein bisschen Elektronik („Sinking Friendships“) mehr, dort ein bisschen Kompaktheit („Animal Arithmetic“). Den Rest dazwischen füllt ein halbes Orchester auf, das sich Jónsi in die Ecke des Studios stellt und das von Nico Muhly sorgsam dirigiert wird, was besonders beim hervorragenden Gratistrack „Boy Lilikoi“ ein vergnügliches Flirren zulässt und sonst auch nur selten pathetisch-kitschiger wird als bei den von Sigur Rós sowieso hinlänglich bekannten Geigenparts.

Spätestens bei „Hengilás“ verschmilzt Jónsi gänzlich mit dem Schaffen seiner Hauptband, ersingt mit glasklarer Präzision ein Gefühl, das durch die ebenso sphärische wie poppige Musik sanftfühlig aufgefangen wird. Ganz wunderbar, so poetisch und vibrierend, wie man  es eben gewohnt ist von diesem Isländer, der mit Sigur Rós in zehn Jahren nie wirklich enttäuschte.  Es wird Bewährtes auf exzellentem Niveau umgesetzt: Die unendliche Tiefe, die luftige Resonanz, karge Klangfelder und intime Räume, das Aufbäumen und Abebben. Zwischen persönlicher Melancholie und frühlingshafter Sorglosigkeit und Neugier. Seine Songkonstrukte atmen dabei wie immer nie Beliebigkeit, auch wenn vielleicht auf „Go“ unterschwellig einiges an Routine mitschwingt, die jedoch bis heute nicht gefällig wird. Dafür sorgt, auch wenn es vielleicht paradox klingt, die mangelnde Improvisation und Hektik. Jónsi weiß, wie man Töne an der Konfektionsmelodie vorbeidehnt, Songs an die lange Leine nimmt und doch raffinierte Momente einbaut, die durchaus magischen Charakter haben. Und sei es, dass seine Stimme nur im Stereo-Effekt einen kurzen Blitzschlag nachhallt oder die Tuba besonders tief und erdig dröhnt.

Wenn man Jónsi übel mitspielen wollte, könnte man behaupten, dass seiner Art des Musizierens etwas Altkluges und Berechnendes anhaftet, das weder Zerstreutheit noch Zufall duldet. Oder, dass er ein Album geschaffen hat aus dem Baukasten des Bestehenden – und ohne den Versuch, die bereits gestellten musikalischen Weichen neu zu positionieren. Wenn man „Go“ jedoch nicht als Mutlosigkeit begreift sondern als gütliche Kontinuität, dann ist es ein überaus stimmiges, vielfältiges und ganz und gar nicht enttäuschendes Solowerk.

Wertung: 73

Label: EMI

Referenzen: Sigur Rós, The Album Leaf, Efterklang, Hjaltalín, Under Byen, Múm

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 19. 03. 2010


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2 Kommentare zu “Montags-Preview: Jónsi – Go”

  1. [...] remixen – und es würde nichts anderes als großartig werden. Aber auch Sigur Rós-Frontmann Jónsi verschenkt hervorragenden Indiepop und dass Yeasayer ein Händchen für Hits haben, braucht man [...]

  2. [...] macht einfach immer weiter. Als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, so herausragende Songs zu schreiben und sie dazu in einer visuellen Verpackung zu präsentieren, die seit ca. 10 Jahren [...]

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