Plattenkritiken


Rezension: Ben Frost – By The Throat

Rezension: Ben Frost - By The Throat Es mag kitschig anmuten, aber es lohnt sich in der Tat bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten bevor man Ben Frosts “By The Throat” auflegt. Eine ungemein intensive Atmosphäre und Bildmächtigkeit geht von dem dritten Album des in Island wohnhaften Australiers aus und je weniger man von der eigentlichen Welt visuell wahrnehmen kann, umso näher ist man der von Frost kreierten, umso eher kann man sich vorstellen dass die Bilder, die beim Hören heraufbeschworen werden, sich um einen herum manifestieren.

Das eröffnende “Killshot” scheint zunächst eine Fortsetzung der von infernalisch verzerrter Gitarre und Elektronik dominierten Noise-Gebilde seines letzten Werkes “Theory Of Machines” zu sein, nach zwei Minuten weichen die Laptop-Klicks aber den akustischen Klängen eines Pianos und einem brummenden Kontrabass. Diese Instrumente stellen mit ihren Melodien die eine Herzhälfte des Albums dar, das insgesamt locker mit einem halben Orchester (unter Mithilfe von u.a. den Isländerinnen Amiina und Frosts Labelkollegen Nico Muhly und Valgeir Sigurðsson) aufwartet. Ein Beispiel für die andere Hälfte folgt umgehend, als in “The Carpathians” unter nervösem Streicherzittern Wolfsgeheul seinen ersten Auftritt macht. Beunruhigend und doch schön vermischt sich das Jaulen und Knurren des majestätischen Tieres mit dem Rattern des Kontrabasses, wird selbst zum Instrument.

Dem Titel getreu spielen dem Hals entlockte Geräusche eine zentrale Rolle auf “By The Throat”, neben Wolfsheulen findet man immer wieder im Hintergrund ein – vermutlich menschliches – Atmen. So hechelt es nervös in “Híbakúsja”, mit einer blutroten Klangfärbung, die an A Silver Mount Zions “Born Into Trouble As The Sparks Fly Upward” erinnert, zwischen zwei Pianos und Bläsern hin und her, die Minisuite “Peter Venkman I&II” wartet gar mit einem ganzen Kinderchor auf. Von Rolf Zuckowski ist hier jedoch keine Spur, der monosyllabische Gesang wird vielmehr ins Unmenschliche gestreckt, dass die darunter immer schneller taumelnde Pianomelodie geradewegs in Carpenters Dorf der Verdammten zu steuern scheint und die einsam aufheulende Gitarre unter der sich über ihr auftürmenden Masse hinwegschrumpft. Wie auch an anderer Stelle folgt auf dieses noisige Anschwellen eine Periode herrlicher Zartheit, das “Carpathians”-Gegenstück “Leo Needs A New Pair Of Shoes” mutet mit seiner Reduktion auf repetitives Saitenspiel gar minimalistisch an. Überhaupt merkt man erst in der Summe aller Stücke wie reichhaltig und vielfältig sie instrumentiert sind, Frost scheut den orchestralen Exzess, setzt vielmehr auf das subtile und präzise Formen von Gesamtklang und -Stimmung.

“By The Throat” schafft es, gleichzeitig zu beunruhigen und so prachtvoll zu klingen, dass man nicht weghören möchte.  Es ist ein meisterliches Auf und Ab , das Frost den Hörer durchleben lässt, keine Station ist dabei verzichtbar, jedes Stück ein essentieller Teil des schrecklich schönen Gesamtbildes.

Wertung: 83

Label: Bedroom Community

Referenzen: Tim Hecker, Philip Glass, A Silver Mount Zion, Machinefabriek, Throbbing Gristle, Swans

Links: Homepage, Bedroom Community

VÖ: 23.10.

Ein Kommentar zu “Rezension: Ben Frost – By The Throat”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Rolf Zuckowski, stimmt, da war mal was:)

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