Plattenkritiken


Review: Bibio – Ambivalence Avenue

<strong>Review:</strong> Bibio - Ambivalence Avenue

“Regen von oben, Regen von der Seite, Regen von unten.” Schon der noch junge Stephen James Wilkinson ist von einem besonderen Verhältnis zur Natur geprägt, der Klang der fallenden Tropfen erzeugt ein solch beruhigendes Wohlgefühl, dass er fortan den Drang verspürt, diese Klänge als Samples aufzuzeichnen; immer auf der Suche nach dem ultimativen Guss sozusagen.

Da das fortwährende Plätschern bei anhaltender Dauer aber zwangsläufig an Reiz verliert, wechselt man für den neuen Longplayer flink die Seite und gebietet der trockenen Hitze des Hochsommers Einhalt. Der Titel “Ambivalence Avenue” ist dabei Programm, erweitert Bibio sein persönliches Klang-Territorium doch auf raffinierte Art und Weise, indem er vermeintlich gegensätzliche Elemente brav nebeneinander in einer Reihe stehen lässt.

So erweist sich “Ambivalence Avenue” als ein vor Ideenreichtum nur so strotzendes Werk, das sich (hier wird die Parallele zum Regen erkennbar) aus allen erdenklichen Richtungen anschleicht, mal spärlich mit Akustikgitarre ausgestattet (“Abrasion”), an anderer Stelle in vinylknisternder Flying Lotus-Manier (“Fire Ant”) und wenig später als belauernder Schatten aus dem tiefschwarzen Dunkel einer ungewöhnlich schwülen Nacht (“Sugarette”). War Bibios letztes, erst kürzlich erschienenes “Vignetting The Compost” trotz seines nicht abzustreitenden Charmes in seiner Lo-Fi-Ausrichtung noch recht eindimensional, zahlt sich die Experimentierfreudigkeit nun als großer Trumpf aus. Allzu gern wird immer wieder das Tempo gedrosselt und einen Gang zurückgeschaltet, nur um wenig später übertourig zum gewagten Überholmanöver anzusetzen; scheinbar spielerisch leicht gelingt dabei die Verschmelzung von Folk und Electro, von fröhlichen Disco-Beats und tieftraurigen Akustikgitarren-Songs, von ruhigen vokalen und hektischen instrumentalen Tracks.

Jeder Song – und das ist die wahre Stärke dieses Werks – grenzt sich unverkennbar von seinem Vorgänger ab und ordnet sich im Gesamtkontext doch einer übergeordneten Distanz unter. Es ist die physisch spürbare Wärme, die die einzelnen Stücke zusammenhält, ihnen sicheren Halt gibt, Identität schafft. Und dann ist da ja noch dieser eine Song, auf den wohl selbst ein Sam Beam mächtig stolz wäre. Kaum mehr als zwei Minuten benötigt “The Palm Of Your Wave”, um sämtliche eindrucksvoll verdrängte, eigentlich längst verheilte Nahtstellen aufzuscharben und einen zutiefst erstarrt im hochsommerlichen Platzregen stehen zu lassen…

Wertung: 80

Label: Warp (Rough Trade)

Referenzen: Boards Of Canada, Prefuse 73, Iron & Wine, Nick Drake, Shugo Tokumaro, Elliott Smith

Links: MySpace, Warp

Vö: 03.07.2009


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