Plattenkritiken


Review: Handsome Furs – Face Control

handsome-fursVon allen Projekten, die sich so um das Mutterschiff Wolf Parade scharen, sind Handsome Furs anscheinend diejenigen mit dem größten Mut zur Hässlichkeit. Dies erkennt man schon am Artwork ihres neuen Albums, als ob die Hundeschnauze auf der Front nicht schon furchterregend genug wäre, grüßt von der Rückseite auch noch Vladimir Putin höchst persönlich den unbescholtenen Hörer, im Booklet setzt sich das Grauen mit rostigen Messerklingen, sowie allerhand Blutflecken und Brandlöchern fort. Das Ehepaar Boeckner-Perry kokettiert also ganz bewusst mit der kaputten, abgefuckten Seite des Rock’n'Roll-Geschäfts und wie passend tönt diesmal die dazugehörige Musik.

Anders noch als auf ihrem eher getragenen Debüt kommt “Face Control” nämlich extrem schnell zur Sache, zu immer etwas schmuddelig anmutenden Drum Machine Beats a là Suicide und energisch kreissägender Leadgitarre jault Dan Boeckner hier so schön wie seit “Apologies To The Queen Mary” nicht mehr. Schon das verdammt starke Anfangstrio aus “Legal Tender”, “Evangeline” und “Hotel Arbat Blues” macht klar, dass Handsome Furs diesmal den direkten und einfachen Weg nehmen und dabei keinem billigen Vergnügen aus dem Wege gehen. In verruchten Hinterhofkneipen würde das Album jedenfalls eine gute Figur machen. Dabei verarbeitet die Band nicht nur die für so ein Werk typische Mischung aus Alkohol und Körperflüssigkeiten, sondern  Eindrücke, die Boeckner auf ständigen Tourneen, diesmal im Speziellen durch Osteuropa (remember Putin), gesammelt hat, unangenehme Begleiterscheinungen wie den allgegenwärtigen Überwachungswahn inbegriffen. Es ist ein bizarres, düsteres Bild, welches hier vom ehemaligen Ostblock gezeichnet wird; entsprechend  ungemütlich die Vertonung. Die so gern beschriebenen und geforderten Ecken und Kanten sind oft scharf und blutverkrustet. Dass dabei wie mit den beiden Schlussstücken “”Thy Will Be Done” und Radio Kaliningrad” trotzdem einige der größten Hymnen herausgekommen sind, die es in der letzten Zeit aus Indierockcity Montreal so zu hören gab, ist ein wesentliches Faszinosum dieser wunderbar vielschichtigen Platte, die sich auch nach dem 30. mal Hören nie so wirklich erfassen lässt. Wäre da nicht die ein oder andere Länge und Unnötigkeit im Mittelteil (“(white city)”, “Officer Of Hearts”), “Face Control” besäße schlussendlich wohl all das, was manch einer an Wolf Parades letztem Wurf so bitterlich vermisste. Aber es sind eben auch die kleinen und größeren Schludrigkeiten, die ein Album wie dieses ausmachen.

7.7 / 10

Label: Sub Pop / Cargo

Spieldauer: 38:46

Referenzen: Wolf Parade, Modest Mouse, Suicide, The Kills, Devo, A.R.E. Weapons

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 13.03.2009


Verwandte Artikel

Review: Wolf Parade – At Mount Zoomer (2008)
Die Geister des Prog Im großen Sturm kanadischer Bands und Kollektive, der vor drei, vier Jahren zunächst Indie-Amerika und dann auch Europa gehörig durcheinanderwirbelte, [...]

3 Kommentare zu “Review: Handsome Furs – Face Control”

  1. [...] allem bereits selbst erprobte Suppen nachkochen, sie setzen dabei verlässlich auf Leidenschaft und notfalls auch das einfach Hässliche. Das geht ungefähr so: Sequenzer an, Bollerbeats los, spinnerte Melodie drüber, Bleep, [...]

  2. [...] Mutterschiff-Schmiede Deerhunter emanzipiert – ähnlich wie vor einiger Zeit die Kollegen von Wolf Parade – nach Bradford Cox’ Atlas Sound bereits erfolgreich [...]

Einen Kommentar hinterlassen

Kritiken
Lower Dens - Nootropics

Lower Dens - Nootropics

Referenzen: Deerhunter, Stereolab, Beach House, Can, Jana Hunter
Ramona Falls - Prophet

Ramona Falls - Prophet

Referenzen: Menomena, Bear In Heaven, The Antlers, Wild Beasts, Modest Mouse
Beach House - Bloom

Beach House - Bloom

Referenzen: Mazzy Star, Galaxie 500, Low, Grizzly Bear, Memoryhouse
Of Monsters And Men - My Head Is An Animal

Of Monsters And Men - My Head Is An Animal

Referenzen: Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, Arcade Fire, Mumford & Sons, Stars, Imaginary Cities
Allo Darlin' - Europe

Allo Darlin' - Europe

Referenzen: The Smiths, Heavenly, The Lucksmiths, Camera Obscura, Felt
Stabil Elite - Douze Pouze

Stabil Elite - Douze Pouze

Referenzen: Kraftwerk, Neu!, Grauzone, Can, Von Spar, Mit
Poliça - Give You The Ghost

Poliça - Give You The Ghost

Referenzen: Joy Division, School Of Seven Bells, Gayngs, Beach House, Bon Iver
Evans The Death - Evans The Death

Evans The Death - Evans The Death

Referenzen: Veronica Falls, Gold-Bears, Joanna Gruesome, Television Personalities, The Undertones
Jack White - Blunderbuss

Jack White - Blunderbuss

Referenzen: The White Stripes, The Black Keys, Alabama Shakes, Little Willie John, The Dead Weather
Actress - R.I.P

Actress - R.I.P

Referenzen: Andy Stott, Pendle Coven, Mount Kimbie, Alva Noto, Mike Slott
Dean Blunt And Inga Copeland - Black Is Beautiful

Dean Blunt And Inga Copeland - Black Is Beautiful

Referenzen: Steely Dan, Actress, Sun Araw, James Ferraro, oOoOO
Dean Blunt - The Narcissist II

Dean Blunt - The Narcissist II

Referenzen: Inga Copeland, Dirty Beaches, How To Dress Well, The Weeknd, Sun Araw
Rufus Wainwright - Out Of The Game

Rufus Wainwright - Out Of The Game

Referenzen: Sparks, Patrick Wolf, Barry Ryan, Billy Joel, Ed Harcourt
Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Referenzen: David Bowie, Teeth Of The Sea, Sunset Rubdown, Spiritualized, The Horrors
Django Django - Django Django

Django Django - Django Django

Referenzen: Devo, The Beta Band, The Beach Boys, Sufjan Stevens, Bear In Heaven, Metronomy
Black Dice - Mr. Impossible

Black Dice - Mr. Impossible

Referenzen: The Residents, Zach Hill, Animal Collective, Wolf Eyes, HEALTH
Claro Intelecto - Reform Club

Claro Intelecto - Reform Club

Referenzen: Efdemin, Pantha Du Prince, The Field, Pendle Coven, Andy Stott
Die Ärzte - Auch

Die Ärzte - Auch

Referenzen: NOFX, Deichkind, WIZO, Eisenpimmel, Die Türen
Spiritualized - Sweet Heart Sweet Light

Spiritualized - Sweet Heart Sweet Light

Referenzen: Velvet Underground, Beatles, Blur, Deerhunter, Mercury Rev
Zammuto - Zammuto

Zammuto - Zammuto

Referenzen: The Books, Maps and Atlases, Animal Collective, Four Tet, Boards of Canada
Crybaby - Crybaby

Crybaby - Crybaby

Referenzen: Johnny Rivers, Mickey & Sylvia, Otis Redding, Morrissey, Rufus Wainwright
Chromatics - Kill For Love

Chromatics - Kill For Love

Referenzen: John Carpenter, Desire, Blouse, Glass Candy, Riz Ortolani
Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance

Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance

Referenzen: Real Estate, Dive, Deerhunter, Atlas Sound, Pains Of Being Pure At Heart
Traxman - The Mind Of Traxman

Traxman - The Mind Of Traxman

Referenzen: DJ Roc, DJ Diamond, DJ Nate, DJ Rome, Kuedo
Bear In Heaven - I Love You, It's Cool

Bear In Heaven - I Love You, It's Cool

Referenzen: Twin Shadow, Yeasayer, The Human League, Pet Shop Boys, Atlas Sound
Daniel Rossen - Silent Mile/Golden Hour

Daniel Rossen - Silent Mile/Golden Hour

Referenzen: Grizzly Bear, Department Of Eagles, George Harrison, Harry Nilsson , Dennis Wilson
Jahrescharts