Plattenkritiken


Review: Ben Klock – One

benklockoneTechno ist immer bewusste Entscheidung. Die unumstößliche Aufdringlichkeit in der Machart, die vollständige Fokussierung auf den Beat lässt nicht zu, dass diese Musik als Nebensache abgetan wird. Die Diktion des Maximalen begrenzt zudem die sinnigen Einsatzmöglichkeiten auf Klub und klobigen Kopfhörer – mit physisch einwirkender Lautstärke. Berghain-Resident DJ Ben Klock fügt eine weitere Dimension hinzu, die der Grundidee von Techno sehr nahekommt: Die Vollständige Reduktion auf das Wesentliche, was in diesem Fall sowohl hinreißend aktuell als auch traditionalistisch klingt. Denn das perkussive Element der Digitalmusik, ihre Kraft und Agilität, lässt sich in der Verpackung des Tanzrituals bis zum Anbeginn der Menschheit zurückdenken. So steckt viel Ursprünglichkeit im Debütalbum „One“.

Immer ist es aber auch Ausdruck aktueller Strömungen der Nachtklub-Beschallung: Die postmodernen Beatkonstruktionen, die oftmals ebenso knackig wie dumpf sind, die konkrete Formsprache und unterkühlte Ästhetik. Gerade der Berliner Paradeklub Berghain samt angeschlossenem Label Ostgut Ton hat sich dieser konzentrierten, aber doch sehr ernsthaften Formreduzierung verschrieben. Immer natürlich im Wissen um aktuelle Tendenzen und der halben Techno-Geschichte (immer näher z.B. an Kenny Larkin als an Carl Craig – und natürlich verwandt mit seinen Freunden Marcel Dettmann und Co), obwohl Ben Klock mit eigenen Produktionen in den letzten zehn Jahren nur sehr sporadisch den Markt gefüttert hat.

Das Albumdebüt „One“ punktet mit trockenen Beats und humorloser Produktion. Entsprechend sind neben der technoiden, minimalistischen Strenge die fein dosierten Details umso auffälliger: Die zwei Akkorde der Synthies, deren Ahnungen dem Dubtech–Track „Gloaming“ einen übernächtigten, leicht nervösen Unterton verschaffen oder der dauerhafte Motoren-Nachhall von „Goodly Sin“, das forsch voranprescht und ebenso wie beim hervorragenden „OK“ Gesangsfragmente Elif Biçers einflicht. Ebenso klassisch wie zeitlos geraten hingegen die synkopierten Hi-Hats von „Check For Pulse“, die von schwabbelnden Bässen umspült werden.

Ben Klock testet nie aus, welche Explosionskraft ein Technotrack verkraften kann, er produziert nie nach der Maßregel des höchsten Wirkungsgrades, was gleichbedeutend wäre mit einer billigen Inszenierung geschmackloser Penetranz. Dennoch gibt es, ja muss es, Tracks geben, die bewusst die 4/4-Modulationen über Albumlänge aufsprengen. Gekonnt werden bei „Coney Island“ bretthart gefilterte, massive Brecherbeats in den Boden gestampft und bei „Goldrush“ der Song-Plot um die Ästhetik des Dubsteps herumgeschrieben.

Aber viele der Stücke funktionieren gerade trotz des Fehlens auffälliger Effekte oder eines spezifisch gewagten Arrangements der musikalischen Muster, sind eher von kaum merklichen sphärischen Flächen geprägt, die durch den akustischen Raum schweben und die Platte zurückgenommen, elegant und manchmal sogar reserviert wirken lassen. Wer dieses Stück Musik hier das erste Mal in den Händen hält oder im Klub hört, der wird vielleicht sogar nichts bemerken, das sonderlich bemerkenswert wäre. Vielleicht liegt sogar eine latente Angst vor Melodien in der Luft. Die vorsichtig zerflatternden Pattern von „Init One“ mit ihrem atmosphärischen Drahtbesenmoment machen da keine Ausnahme, sind sogar Ruhepol auf einer Platte, das jedoch als kohärentes Album nicht zur Brillanz des Vorjahressiegers in der Disziplin „Techno“, Shed, aufschließen kann.

Der Rest drängt mit stoischem Puls und minimalen Verästelungen auf den Tanzflur und macht dort eine gute Figur, denn „One“ ist definitiv state-of-the-art-Digitalmusik. Produziert von einem Nachtagenten, der sein Ziel der präsenten und überlegen-eleganten Beats und der Kompromisslosigkeit in Sachen Ballastabwurf mit maximaler Zielgerichtetheit verfolgt. Das ist konsequent, aber manchmal auch ein bisschen eintönig, gar arrogant. Immer aber ganz sicher im Geiste von Techno.

7.7 / 10

Label: Ostgut Ton

Spieldauer: 71:14

Referenzen: Paul Kalkbrenner, Marcel Dettmann, Shed, Ellen Allien, Len Faki, Efdemin

Links: MySpace

VÖ: 27. Februar 2009

Ein Kommentar zu “Review: Ben Klock – One”

  1. Philip sagt:

    was sind denn 4/4-modulationen?

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