Plattenkritiken


Nachtrag: Sigur Ros – Með suð í eyrum við spilum endalaust (2008)

sigur-rosVom Alltag entkräftet sitzt man im Zug und blickt starr aus der matten Fensterscheibe, während der Startknopf des Mp3-Players betätigt wird. “Með suð í eyrum við spilum endalaust-07-Ara Batur“ läuft durch das Display und bereits die ersten Töne des erhabenen Liedes verzaubern: Der graue Dunst entweicht und gibt Raum für ein prachtvolles Farbenspiel der Natur. Hochhäuser verwandeln sich in geschwungene Felsen und qualmende Schornsteine werden zu imposanten Vulkanen. Aus Pfützen entstehen atemberaubende Seenlandschaften, der hektische Autoverkehr löst sich auf und schier endlose Straßen tun sich auf. Gebannt schaut man auf den Gullideckel, in der Hoffnung die Eruption des Geysirs nicht zu verpassen…
Kein Reiseführer vermag es, die unverfälschten Naturerlebnisse Islands näher zu bringen als die Musik von Sigur Ros. “Með suð í eyrum við spilum endalaust“ ist das fünfte Studioalbum der vier Atlantikinsel-Männer und darf der Übersetzung „Mit einem Brummen in den Ohren spielen wir endlos weiter“ Bedeutung beigemessen werden, glücklicherweise lange nicht das Letzte. Auch wenn das neueste Werk mit “All Alright“ erstmalig einen englisch gesungenen Abschlusstrack bereithält, bedarf es nach wie vor keinem Textverständnis, um die Kompositionen erfassen und spüren zu können. Ganz im Gegenteil: Isländisch und die eigens kreierte Kunstsprache “Hopelandic“ (Hoffnung) – für den Laien nicht zu unterscheiden – klingen mystisch befremdlich, wenngleich sanft und komplettieren das zauberhafte Bild von Island.
Die träumerische Musik der Band führt zur inneren Mitte, spendet Trost und gönnt wertvolle Momente der Ruhe. Diese Erwartung des langjährigen Sigur-Ros-Kenners erfüllt erst die zweite Hälfte von “Með suð í eyrum við spilum endalaust“ voll und ganz. Das neben Reykjavik in London, New York und Havanna aufgenommene Album startet ungewohnt temporeich und heiter, geradezu überschwänglich, dennoch geht das Gefühl von Geborgenheit nicht verloren. Auf orchestrale Arrangements muss der Hörer auch bei der dem Pop angenäherten Seite des eigenwilligen Quartetts nicht verzichten. Mit der längsten Spieldauer (9:26) steht der mit einem klaren Break versehene Song “Festival“ im Zentrum des Albums, umgeben von “Vid Spilum Endalaust“ und “Med Sud I Eyrum“. Der auf zwei Tracks aufgeteilte Titel unterstreicht die Gespaltenheit des Gesamtwerkes.
1994 wurde nicht nur die Schwester (Sigurros) von Sänger Jonsi geboren, sondern zeitgleich auch eine grandiose Band ins Leben gerufen, die immer wieder zu neuen Erkundungstouren einlädt – wir reisen gerne mit und sind gespannt, wohin der Weg führt!

8.0 / 10

Label: XL / EMI

Spieldauer: 65:34

Referenzen: Múm, The Album Leaf, Amiina, Ólafur Arnalds, Explosions In The Sky, Gregor Samsa, Mogwai

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 20.06.2008 (CD), 14.11.2008 (LP)


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