Plattenkritiken


Review: Deerhunter – Microcastle (2008)

Mangelnden Output kann den Herren um Bradford Cox dieser Tage nun wahrlich nicht vorgeworfen werden. Dem begeisternden zweiten Album  "Cryptograms", Anfang letzten Jahres erschienen, folgte mit der "Fluorescent Grey" nur wenige Monate später eine gar noch ausgeklügelter klingende EP, die mit "Wash Off" auch direkt den Überhit der Band mitlieferte. Danach der bekannte Ablauf: Zahlreiche Gigs, ein gestiegenes Interesse der Öffentlichkeit und der wachsende Druck, wenn es auf die nächste Platte zugeht. Eigentlich dürfte man mit einem ausgebrannten Herrn Cox rechnen, der sich erstmal die Zeit nehmen muss, die für ihn recht unbekannte Situation einzuordnen. Pustekuchen! So veröffentlichte er Anfang dieses Jahres das Debüt des Ein-Mann-Projektes Atlas Sound und nebenbei wurden auf seinem inzwischen wohl berühmt gewordenen Blog weitere Songs in inzwischen dreistelliger Anzahl kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt, von zahlreichen Mixtapes mal ganz abgesehen. Damit nicht genug war wie selbstverständlich zusätzlich ein neues Album mit seinen Bandkollegen von Deerhunter geplant. Und just zu dem Zeitpunkt, als der Veröffentlichungstermin für "Microcastle" bekannt gegeben wurde, sickerte ungewollt durch, dass dieses als Doppel-CD mit einem – wie konnte es auch anders sein – zweiten kompletten Album namens "Weird Era Cont" daherkommen sollte. Mit wenig wird sich eben nicht zufrieden gegeben. Vor dem ersten Hördurchgang rücken folglich zwei entscheidende Fragen in den Vordergrund: Ist der Band die erhoffte Weiterentwicklung gelungen und – mindestens genauso wichtig – geht die Quantität an veröffentlichtem Material auf Kosten der Qualität der Songs?

Die bereits im Vornherein bei MySpace zur Verfügung gestellten Songs "Never Stops" und "Nothing Ever Happened" eignen sich zumindest ansatzweise dazu, die neue Richtung vorzugeben, auch wenn es sicherlich die augenscheinlichsten Hits des Albums sind. "Microcastle" ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger deutlich eingängiger, poppiger und in vielen Fällen auch songorientierter, erfreulicherweise aber ohne auf einzelne Stücke reduziert werden zu können, weiterhin steht ganz unmissverständlich das Album im Vordergrund. Dies wird am ehesten im Mittelteil von "Microcastle" deutlich, funktionieren "Calvary Scars", "Green Jacket" und "Activa" doch nur im Verbund, dann allerdings in höchstem Maße überzeugend. Zusätzlich bilden eben jene Tracks die Brücke vom Titeltrack zum klaren Highlight des Albums, dem verspielt rockigen, am Ende fast ausgefransten und dennoch unwiderstehlich hymnenhaften "Nothing Ever Happened".

Deerhunter ist die Weiterentwicklung zu keiner Phase des Albums abzusprechen, der bandtypische Sound bleibt erhalten, bietet aber zusätzlich reichlich Platz für weitere Einflüsse. Stellvertretend hierfür könnte das lässige "Saved By Old Times" und seine gekonnt eingesetzten Surf Punk-Anleihen genauso stehen wie das mit reichlich 60s Psychedelic-Appeal ausgestattete "Never Stops". Ein Wermutstropfen aber bleibt: Obwohl nahezu alle Songs bei jedem Durchgang neue Dinge offenbaren und dem Gesamtwerk somit eine lange Halbwertszeit bescheren werden, verschwimmen nach einer gewissen Zeit die Konturen. Der kranken Struktur eines "Lake Somerset" oder der so hektisch im Vordergrund tänzelnden Drums des Titeltracks auf "Cryptograms" hätte es bedurft, dieses Album zu einem Meisterwerk emporsteigen zu lassen. Auch wird man den Eindruck nicht los, dass die Fülle an veröffentlichten Songs jeden einzelnen daran hindert, seine komplette Pracht zu entfalten, zu bekannt sind die Ideen, zu vertraut die Einflüsse eines Bradford Cox, die es an manchen Stellen erschweren, eindeutig zwischen Atlas Sound und Deerhunter unterscheiden zu können.  So bleibt die Erkenntnis, trotz einer durchweg guten Platte weiter einen Schritt hinter den befreundeten Genre-Kollegen wie den Liars oder auch den leicht artfremden No Age hinterherzuhinken. Ein zweites "Wash Off" bleibt aus, ein prächtiges Drittwerk ist ihnen aber trotzdem gelungen, der nächste große Schritt wird folgen, ganz sicher…

7.7 / 10

Label: 4AD / Beggars / Indigo

Spieldauer: 40:52

Referenzen: Atlas Sound, Liars, No Age, Chad vanGaalen, Women, My Bloody Valentine, A Place To Bury Strangers, Radiohead, Sonic Youth, The Velvet Underground

Links: MySpace, Deerhunter-Blog

VÖ: 24.10.2008

"Microcastle" ist als Doppel-CD zusammen mit "Weird Era Cont" erschienen, Gesamtlänge beider CDs: 83:01

Hier geht´s zum ausführlichen Bericht zu Weird Era Cont!!


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Ein Kommentar zu “Review: Deerhunter – Microcastle (2008)”

  1. [...] hervor: Der experimentellen Frühphase (bei VU auch als Warhol-Zeiten bekannt) folgte mit „Microcastle / Weird Era Cont.“ das unmissverständliche  Statement Richtung Popsong. „Halcyon Digest“, [...]

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