Plattenkritiken


Review: El Guincho – Alegranza (2008)

Der Durchschnittsdeutsche ist ein mäßig ansehnliches Wesen, ein bisschen zu dick und nicht allzu intelligent. Vermutlich heißt er Max Mustermann und mag es gerne schlicht. 40% der Deutschen erreichten nur einen Hauptschulabschluss, langen dafür tagtäglich bei Bier und Fleisch gerne mal etwas ausdauernder zu. Mit anderthalb Kinobesuchen liegt Mustermann voll im Trend, ebenso stromlinienförmig hört er auch nur sieben Minuten bewusst Musik pro Tag. Die kostbarsten Tage im Jahr verbringt Mr. 08/15 auf spanischen Inseln und gibt dabei 736 Euro aus (lang lebe der Pauschaltourismus!) – während er sich mit seiner Frau über das (un)nötige Gepäckvolumen streitet. Die Wahrscheinlichkeit nähert sich eher 0 als 1, dass der Durchschnittsdeutsche auf den Balearen oder Kanaren, seinen bevorzugen Reisezielen, vor die Tür seines Hotels tritt oder sich gar für einheimische Klangprodukte interessiert. Mit Sangria und Ibiza Chill-House lässt es sich prima aushalten in seiner biederen Kleingeistwelt.

„Alegranza“ ist der Gegenentwurf zu hiesiger Ordnungsliebe und abweisender Kälte. Und alles andere als durchschnittlich. Zwar mag der grobe Orientierungsrahmen, was die Anzahl von möglichen Palmen in Hinblick auf Quadratmeter Quarzsand angeht, mit den Urlaubssehnsüchten der Deutschen im Einklang stehen, jedoch ist das hier der clevere Drogentrip, den das Cover verspricht.

Pablo Diaz-Reixa alias El Guincho von den Kanaren klebt Versatzstücke tropischen Lebens mit digitalem Pattex aneinander, loopt Samples aus B-Movie-Songs der 70er Jahre und erschafft ebenso faszinierende wie tanzbare musikalische Collagen. Lustig zerhackt in zehntausend bunte Sammelschnipsel, die er einzeln mit fast wissenschaftlicher Akribie zu einem sich immerwährend wiederholenden Muster formt. Wie ein Mantra werden oft recht ähnlichen Elemente durch das Programm gejagt, gefiltert und in eine sonnengesengte Patina getaucht: Frische Tropicana-Schleifen von urigen Eingeborenen-Gesängen, aus Afrikadokus, randvoll mit rasselnder Lebensfreude. Samples, an deren Ende entweder die Sonne vollends aufgeht oder der genervte Westeuropäer mal schnell seine Birne lüften muss, um die angestauten Wallungen wieder auf Normaltemperatur zu regeln. Alles wirkt improvisiert und durchaus im ersten Moment ungewohnt experimentell. Dabei ist der Künstlerbeau nur ein fleißiger Lerner, der sich die brüchige Sampletechnik von den Avalanches oder Panda Bear zu eigen gemacht hat.

Schnell kann man sich so der infektiösen Melodien, karibischen Rhythmen und obskuren Klänge nicht entziehen; seine Aberwitzigkeit ist atemberaubend. Der Groove von „Palmitos Park“, das repetitive Steeldrum-Muster von „Kalise“ oder die verschleppten Beats von „Polca Mazurca“ samt Turboboost sind dabei nur wenige Beispiele für die ungeheure Lässigkeit, mit der dieser Künstler am Werke ist. Das unglaublich kraftvolle „Palmitos Park“ mit seinen herrlich verspulten Gesängen spendiert sich sogar gleich selbst “Standing Ovations”. Die Spiritualität und ungezügelte Offenheit im Ausdruck eines uns fremden Lebens mag dabei bisweilen etwas befremdlich wirken und wird wohl erst gänzlich nachvollziehbar, wenn man jemals den Kontrollverlust erlitten hat, den die trance-artigen Tänze an der Copacabana so reizvoll machen. Oder eben, wenn man „Alegranza“ in ausreichender Lautstärke tanzend in der eigenen Behausung goutiert hat.

Die Kontaktpunkte zu aktuellen Indieproduktionen von M.I.A. oder dem Animal Collective verleihen diesem Zweitling (der übrigens den Namen seiner Geburtsinsel trägt) einen Anflug von Momenthaftigkeit, den auch die gute Laune nicht ganz zu überspielen vermag. Dennoch genügt dieses Album allen Ansprüchen an Neuerung, Klasse und Wahnwitz. Das unbekümmert Kindliche und die spontanen Verstiegenheiten lassen nämlich nur die Erkenntnis zu, dass das Leben als Kristallisation von Sonderlichkeiten und Lebensfreude viel öfter die Hauptrolle übernehmen sollte. Dazu werden dann Cocktails und bewusstseinserweiternde Drogen gereicht, deren Wirkgehalt proportional zur Hitze unter Palmen ansteigt. Und schon scheint die deutsche Kälte mit ihrer pedantischen Art Universen weit entfernt. Während Max Mustermann sich den Seitenscheitel akkurat zurechtkämmt, schauen wir den knackbraunen Barcardi-Girls zu, die sinnlich ihre allzu knappen Bikinis wieder an die rechte Stelle rücken.

8.7 / 10

Label: Discoteca Oceano / XL / Beggars / Indigo

Spieldauer: 40:04

Referenzen: The Avalanches, Panda Bear, Tony Allen, Animal Collective, Os Mutantes, Beach Boys, M.I.A., Architecture In Helsinki, Paradise Boys

Links: MySpace, XL/Beggars

VÖ: 21. 11. 2008 (Deutschland)


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3 Kommentare zu “Review: El Guincho – Alegranza (2008)”

  1. [...] Sahelzone. Allerdings werden diese Songs in einen kosmopolitischen Rahmen gehängt – M.I.A. oder El Guincho grüßen freundlich aus der [...]

  2. [...] irrwitzigen Tropical-Schnipseleien von El Guincho kamen Ende 2007 etwas zu früh: Erst im letzten Jahr wuchs sich karibisches Flair zu einem Trend [...]

  3. [...] Neu-Disko der Müncher Permanent Vacation und dem Balearic-Flair seiner Landsleute Delorean, El Guincho und Hivern Discs-Labelkollege Pional. Letzterer ist nicht nur selbst ein herausragender Produzent, [...]

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