Plattenkritiken


Review: Lovvers – Think (2008)

Fuck The System

Es ist viel geschrieben und spekuliert worden, welche Dimensionen die von No Age und Mika Miko losgetretene Punk- und Lo-Fi-Welle annehmen würde, schließlich konnten innerhalb kürzester Zeit Bands wie Abe Vigoda auch außerhalb ihres Reviers beträchtliche Erfolge vorweisen. Inmitten dieser ganzen Bewegung – wie könnte es auch anders sein – steht ein beinahe völlig heruntergekommenes Gebäude, das große Mysterium, in Fachkreisen auch “The Smell” genannt. Warum und vor allem warum ausgerechnet jetzt eine neue, sowohl an den Punk der 70er als auch an Do-It-Yourself – Größen wie Black Flag oder die Germs erinnernde Bewegung so viel Nachfrage erfährt, wird so schnell nicht zu klären sein, miteinander verzahnt scheinen da unterschiedlichste Gesellschaftsströme Einfluss zu nehmen. Aber eines steht fest, die Musik ist immer Ausdruck dessen, was die Menschen in eben jener Zeit fühlen. So verwundert es nicht, dass die Welle immer größere Kreise zieht und inzwischen auch im Vereinigten Königreich angekommen zu sein scheint, von da aus kommt nämlich nun der nächste, vor Wut nur so strotzende dicke Brocken auf uns zu geschossen!

Scheinbar überflüssig zu erwähnen, dass die Lovvers in den vergangenen Monaten mit diversen Bands wie No Age, Mika Miko, Times New Viking oder Jay Reatard um den Globus tourten und dabei nicht selten fragende Gesichter hinterließen und verzweifelten, noch an den Frieden auf der Welt glaubenden Menschen den Dreck nur so in die Augen spülten. Erwartungen zu erfüllen oder sich gar an gegebene Normen zu halten ist nämlich mal so gar nicht ihr Ding, das bekommt nicht nur jeder zu spüren, der einmal live dabei war, da genügt schon eine kurze Sequenz ihres komplett abgedrehten Videos zu “Human Hair”. Hier wird in wenigen Minuten kurzer Prozess gemacht mit jeglichen Modeerscheinungen – wer braucht heute noch einen Waschbrettbauch? Auch das so häufig für friedliche Idylle stehende Meer samt seiner rauschenden Wellen wird hier nur dafür benutzt, es auf grausame, aber phantastische Art und Weise gegen verschiedenste Fratzen ankämpfen zu lassen, um später von dem großen Nichts des Dunkels vollständig absorbiert zu werden. Ja, sowas regt zum Denken an, hier will uns jemand mit aller Macht vor Augen halten, wie gefangen wir doch in unserem selbst kreierten System vor uns hinsiechen.

Passenderweise rotzt uns die Band in nicht mal 13(!!) Minuten sieben Bastarde von Songs vor die Füße, eben genau so lang, dass die Polizei den Laden nicht dichtmachen kann, bevor die Platte zu Ende ist. In irrsinnigem Tempo, “totally pissed off” und mit angsteinflößender Entschlossenheit werden einem hier die Wortfetzen um die Ohren gepfeffert, dass es nur so kracht. Es hat eh längst keiner mehr was zu verlieren. Für viele sicherlich ein Fall für den Psychiater, für andere wiederum eine der spektakulärsten Entdeckungen des Jahres. So viel Energie, Wut und Tatendrang, gepaart mit musikalischer Raffinesse, hat es seit den frühen 80ern wohl nicht mehr gegeben. Nicht nur der ideale Wegbegleiter, wenn es darum geht, seinen Aggressionen freien zu Lauf zu lassen, sondern sicherlich auch als ständiger Antreiber zu verstehen, der einem immer wieder vor Augen hält, wie wichtig es ist, Dinge zu hinterfragen. Werft einfach einen Blick auf das Plattencover und ihr wisst, worauf Ihr Euch einlasst…

8.7 / 10

Label: Wichita / Cooperative

Spieldauer: 12:41

Referenzen: Black Flag, The Germs, No Age, Mika Miko, Times New Viking, Jay Reatard, Abe Vigoda, Black Lips

Links: MySpace, Wichita

VÖ: 03.10.2008


Verwandte Artikel

Review: The Dodos – Visiter (2008)
Die pure Entschlossenheit Das erste Hören einer neuen Platte mag ja durchaus unzählig viele Reaktionen hervorrufen können, dennoch existieren freilich einige [...]
Review: The Bug – London Zoo (2008)
Mit seinem inzwischen dritten Album scheint Kevin Martin aka The Bug nun endlich der längst fällige Durchbruch gelungen zu sein. Nach “Tapping The Conversation” [...]
Review: The Faint – Fasciination (2008)
The Kids Want To Dance! Der Arbeitskreis rhythmussuchender Profilneurotiker bekommt neues Futter: The Faint folgen mit ihrem aktuellen Longplayer weiterhin den ausgelatschten [...]

2 Kommentare zu “Review: Lovvers – Think (2008)”

  1. Bastian sagt:

    Volle 15 Euro für 7 Songs und 13 Minuten sind aber ganz schön dreist.

  2. Pascal sagt:

    Die 13 Minuten reißen dafür komplett mit. Diese unbändige Energie, diese Wucht, diese Wut, einfach herrlich. Kannnst ja auf Repeat stellen;)

Einen Kommentar hinterlassen

Kritiken
Lower Dens - Nootropics

Lower Dens - Nootropics

Referenzen: Deerhunter, Stereolab, Beach House, Can, Jana Hunter
Ramona Falls - Prophet

Ramona Falls - Prophet

Referenzen: Menomena, Bear In Heaven, The Antlers, Wild Beasts, Modest Mouse
Beach House - Bloom

Beach House - Bloom

Referenzen: Mazzy Star, Galaxie 500, Low, Grizzly Bear, Memoryhouse
Of Monsters And Men - My Head Is An Animal

Of Monsters And Men - My Head Is An Animal

Referenzen: Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, Arcade Fire, Mumford & Sons, Stars, Imaginary Cities
Allo Darlin' - Europe

Allo Darlin' - Europe

Referenzen: The Smiths, Heavenly, The Lucksmiths, Camera Obscura, Felt
Stabil Elite - Douze Pouze

Stabil Elite - Douze Pouze

Referenzen: Kraftwerk, Neu!, Grauzone, Can, Von Spar, Mit
Poliça - Give You The Ghost

Poliça - Give You The Ghost

Referenzen: Joy Division, School Of Seven Bells, Gayngs, Beach House, Bon Iver
Evans The Death - Evans The Death

Evans The Death - Evans The Death

Referenzen: Veronica Falls, Gold-Bears, Joanna Gruesome, Television Personalities, The Undertones
Jack White - Blunderbuss

Jack White - Blunderbuss

Referenzen: The White Stripes, The Black Keys, Alabama Shakes, Little Willie John, The Dead Weather
Actress - R.I.P

Actress - R.I.P

Referenzen: Andy Stott, Pendle Coven, Mount Kimbie, Alva Noto, Mike Slott
Dean Blunt And Inga Copeland - Black Is Beautiful

Dean Blunt And Inga Copeland - Black Is Beautiful

Referenzen: Steely Dan, Actress, Sun Araw, James Ferraro, oOoOO
Dean Blunt - The Narcissist II

Dean Blunt - The Narcissist II

Referenzen: Inga Copeland, Dirty Beaches, How To Dress Well, The Weeknd, Sun Araw
Rufus Wainwright - Out Of The Game

Rufus Wainwright - Out Of The Game

Referenzen: Sparks, Patrick Wolf, Barry Ryan, Billy Joel, Ed Harcourt
Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Moonface - With Siinai: Heartbreaking Bravery

Referenzen: David Bowie, Teeth Of The Sea, Sunset Rubdown, Spiritualized, The Horrors
Django Django - Django Django

Django Django - Django Django

Referenzen: Devo, The Beta Band, The Beach Boys, Sufjan Stevens, Bear In Heaven, Metronomy
Black Dice - Mr. Impossible

Black Dice - Mr. Impossible

Referenzen: The Residents, Zach Hill, Animal Collective, Wolf Eyes, HEALTH
Claro Intelecto - Reform Club

Claro Intelecto - Reform Club

Referenzen: Efdemin, Pantha Du Prince, The Field, Pendle Coven, Andy Stott
Die Ärzte - Auch

Die Ärzte - Auch

Referenzen: NOFX, Deichkind, WIZO, Eisenpimmel, Die Türen
Spiritualized - Sweet Heart Sweet Light

Spiritualized - Sweet Heart Sweet Light

Referenzen: Velvet Underground, Beatles, Blur, Deerhunter, Mercury Rev
Zammuto - Zammuto

Zammuto - Zammuto

Referenzen: The Books, Maps and Atlases, Animal Collective, Four Tet, Boards of Canada
Crybaby - Crybaby

Crybaby - Crybaby

Referenzen: Johnny Rivers, Mickey & Sylvia, Otis Redding, Morrissey, Rufus Wainwright
Chromatics - Kill For Love

Chromatics - Kill For Love

Referenzen: John Carpenter, Desire, Blouse, Glass Candy, Riz Ortolani
Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance

Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance

Referenzen: Real Estate, Dive, Deerhunter, Atlas Sound, Pains Of Being Pure At Heart
Traxman - The Mind Of Traxman

Traxman - The Mind Of Traxman

Referenzen: DJ Roc, DJ Diamond, DJ Nate, DJ Rome, Kuedo
Bear In Heaven - I Love You, It's Cool

Bear In Heaven - I Love You, It's Cool

Referenzen: Twin Shadow, Yeasayer, The Human League, Pet Shop Boys, Atlas Sound
Daniel Rossen - Silent Mile/Golden Hour

Daniel Rossen - Silent Mile/Golden Hour

Referenzen: Grizzly Bear, Department Of Eagles, George Harrison, Harry Nilsson , Dennis Wilson
Jahrescharts