Plattenkritiken


Review: The Dodos – Visiter (2008)

Die pure Entschlossenheit

Das erste Hören einer neuen Platte mag ja durchaus unzählig viele Reaktionen hervorrufen können, dennoch existieren freilich einige eher typische Varianten. Eine Möglichkeit besteht darin, sich sofort mit der Musik anzufreunden und direkt zu erkennen, dass sie einem gefallen wird. Das setzt höchstwahrscheinlich voraus, dass ein gewisser Wiedererkennungseffekt nicht von der Hand zu weisen ist, die Songs aber dennoch den Eindruck vermitteln, über genügend Potential zu verfügen, das sie nicht schon nach den ersten Durchgängen langweilig werden lässt. Komplett anders, das ließe sich jetzt annehmen, verhält es sich, wenn die Musik etwas Sonderbares, Eigenartiges oder gar Neues beinhaltet. Das wird zwar meist mit Spannung aufgenommen, dennoch sind uns solche Fälle am Anfang häufig eher suspekt, da eine gewisse Anstrengung abverlangt wird. Unter Umständen könnte es ja sein, dass wir kostbare Zeit unseres Lebens „verschwenden“, aufmerksam einer Platte zu horchen, die einem auch nach dem zehnten Hören nicht zusagt. Der weitaus wünschenswertere Fall wäre das langsame Entdecken jedes einzelnen Songs, das im optimalen Fall darin mündet, bei jedem weiteren Durchgang ein neues Lieblingslied hervorzubringen. Auch denkbar ist eine dritte typische Reaktion: Die Musik erscheint schon beim ersten Hören als zu gängig, als dass sie uns groß beeindrucken könnte oder läuft uns gar ganz zuwider.

The Dodos aus San Francisco nehmen mit ihrem neuen Werk „Visiter“ sicherlich eine Sonderstellung ein. Aufs erste Ohr sehr zugänglich, wird es zwar nicht direkt als langweilig, aber sicherlich auch nicht als besonders spektakulär abgestempelt. Da hätten wir Meric Longs Fingerpicking, einige tolle Melodien und die außer Frage stark im Vordergrund stehenden Drums. Allein das Besondere, das Einzigartige scheint erstmal zu fehlen. Einige Dutzend Hördurchgänge später schämt man sich fast für den Gedanken, die Genialität der Platte nicht zumindest ansatzweise erkannt zu haben. Dass sie einen anfangs nicht sonderlich interessierte, lag einzig und allein daran, dass eben das Sonderbare gar nicht erst erkannt wurde. Die Brillanz von Visiter liegt eindeutig in der unnachgiebigen Energie, an der stetig steigenden Intensität, die nahezu jedem Song innewohnt. Dieser Umstand ist wohl darauf zurückzuführen, dass The Dodos ihre gesamte Platte während einer knapp einjährigen Tour geschrieben haben und dann ohne große Nachverbesserungen live und simultan im Studio eingespielt haben, in der Hoffnung, die Dynamik der Live-Shows auf Platte festzuhalten. Dass es gleich derart gut funktioniert hat, wird selbst die beiden Protagonisten verwundert haben. Alleine „Joe´s Waltz“ sollte an dieser Stelle als Beweis genügen. Das langsam beginnende, linear an Fahrt aufnehmende und letztlich in völliger Ekstase endende Stück spiegelt exakt das wider, was einem live geboten wird, dabei nur noch von dem „ominösen“ dritten Mann getoppt wird, der, um die Zuschauer endgültig in den absoluten Wahn zu treiben, noch mit aller Entschlossenheit auf die leere Mülltonne einschlägt, um die eh schon im Vordergrund stehenden Drums nochmals zu unterstützen.

Wer mal einen Blick auf den Werdegang der Band wirft, wird zudem feststellen, dass „Visiter“ sicherlich nicht nur auf einen brillanten Moment zurückzuführen ist, sondern vielmehr nur durch harte Arbeit und stetigem Willen zur Weiterentwicklung entstehen konnte. War Meric Long 2005 unter dem Namen Dodobird noch alleine mit seiner Akustikgitarre unterwegs, holte er sich für die fortan in The Dodos umbenannte Band Logan Kroeber ins Boot, der gut zu Merics Vorstellung von der Art und Weise des Drumming passte. Denn dies sollte zweifelsohne einen zentralen Punkt in dem Projekt einnehmen. Auf „Beware Of The Maniacs“, dem ersten Album unter dem Namen The Dodos sind dann schon zahlreiche Ansätze von dem zu hören, was einige Zeit später auf „Visiter“ zusehends perfektioniert wurde. Hier spielen eindeutig zwei Musiker, die perfekt harmonieren und beide derart begeistert sind, dass sie sich immer wieder gegenseitig hochschaukeln und fordern können. Besonders erfreulich ist auch, dass Meric seine Wurzeln und Anfänge als Dodobird nicht komplett über den Haufen geworfen hat, sondern immer mal wieder hier und da diese unglaublich melodischen, von der Akustik-Gitarre getragenen Stücke einbaut, die für einige Momente die Geschwindigkeit drosseln und sowohl den Musikern als auch den Hörern die wohlverdiente Verschnaufspause bieten. Da wäre natürlich zuerst das zauberhafte „Undeclared“ zu nennen, dass einen genauso zärtlich träumen lässt wie der sichtlich erheiternde „Park Song“. „Woke up today a bit too late / Put on my shoes and got some coffee / Cranked out the tunes, I think it was Roxy / Went back to snooze until 8:30 […] Went to the park today / Watched all the dogs as they played / None of them barked, they just hanged / Think I’ll buy a dog when I get paid.“ Klingt zumindest so, als würde die Band auch einen Joint nicht ablehnen… Aber immer dann, wenn der Hörer abzuschweifen droht, anfängt nachzudenken, wird das Tempo auch schon wieder angezogen und die müden Beine reaktiviert. Dies verdeutlichen insbesondere das großartige „The Season“, vielleicht das Highlight der Platte, die vom Rhythmus her leicht an Animal Collective erinnernde Single „Fools“, das intensive „Paint The Rust“ oder der Schlusspunkt „God?“, die eine solche Wucht erzeugen, dass sie nicht selten offenstehende Münder hinterlassen. Vor allem dann, wenn nur zwei Personen auf der Bühne zu erkennen sind: Der eine an den Drums, der andere häufig nur mit einer Akustikgitarre ausgerüstet. Erklärt das doch mal bitte den Leuten vom Wacken…

8.3 / 10

Spieldauer: 59:10

Label: Frenchkiss /Wichita / Cooperative / Universal /

Referenzen: Akron/Family, Animal Collective, Yeasayer, Jennifer Gentle, Les Savy Fav,

Links: Homepage, MySpace, Frenchkiss

: 01.08.2008 (Deutschland)


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4 Kommentare zu “Review: The Dodos – Visiter (2008)”

  1. florian sagt:

    wie der spiegel dieses tolle drumming als “enervierendes geklöppel” bezeichnen kann, ist mir ein rätsel. da steck doch jede menge feuer drin. 8,3 ist genau richtig

  2. Pascal sagt:

    @florian: Wer hat die Rezi denn beim Spiegel geschrieben? Wigger? Das würde unter Umständen ne Menge erklären;) Ja, hab die Platte inzwischen seit gut 4 Monaten, nutzt sich bisher kein Stück ab, höre sie immer wieder gern. Köln-Auftritt war auch sehr gelungen. Da freut man sich doch aufs Haldern Pop;)

  3. florian sagt:

    dachte du hast keine karte mehr bekommen?

  4. Pascal sagt:

    Habe jetzt doch noch 2 bekommen. Hat zwar etwas mehr gekostet, ging bei dem doch sehr guten Line-Up aber einfach nicht anders.

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