Plattenkritiken


Review: The Hold Steady – Stay Positive (2008)

Sie sind wieder da! Endlich! Knapp zwei Jahre nach dem wohl größten Rock-Album des Jahrzehnts machen sich The Hold Steady auf, um mal wieder Leben zu retten. Die Messlatte hätte nicht höher gelegt werden können, war „Boys And Girls In America“ in seiner Euphorie, seiner Entschlossenheit, seiner Freude und seiner Energie ein Werk, das gepaart mit den kleinen Geschichten des „großen Lyrikers“ Craig Finn um und in den Bars Amerikas durchaus dazu geeignet war, gesamte Lebenseinstellungen in Frage stellen zu können. Gemeinsam für eine bessere Zukunft sozusagen. Es folgte eine Zeit mit unzähligen, absolut legendären Live-Auftritten, bei denen sich häufig die Frage aufdrängt, wo dieser „Kerl“ mit seinen knapp unter 40 Jahren diese Energie hernimmt, selbst in Konzerten vor gerade mal 40 Zuschauern mit einem Riesen-Grinsen im Gesicht alles dermaßen „wegzurocken“. Und das mit einem Selbstverständnis, als wäre alles andere undenkbar. Wahrscheinlich ist genau das aber der Rahmen, der verdeutlicht, wie authentisch diese Band zu Werke geht. Sie haben einfach nur Freude an dem, was sie machen. Wie schön, dass sie uns teilhaben lassen…

„Stay Postive“ steht nun auf dem Plattencover des vorliegenden neuen Albums der Herren aus Minneapolis, für den wohl kein geeigneterer Titel hätte gefunden werden können. Daneben ein Symbol, das sicherlich Spielraum für etliche Deutungen lässt: Ein „+“-Zeichen, umgeben von zwei Halbkreisen, die es zu einem Unendlichkeits-Symbol machen. Eben diese unendlich positive Energie ist es, die auch die neue LP zu einem der ganz wichtigen Alben dieser Jahre werden lassen. Allein der Opener rechtfertigt jeden Kauf, wird einem doch direkt zu Beginn mal eben der Song des Jahres um die Ohren gehauen. Hier trifft ehrlicher, authentischer Rock´n Roll auf Post-Punk, während ein bestens aufgelegter Craig Finn die Tristheit vieler Leben („Work at the mill until you die“) damit bekämpft, etwas „Gigantisches“ zu erschaffen, auf dessen höchsten Punkt die Menschen dann ihre gesamte Freude teilen können („We’re gonna lean this ladder up against the water tower. Climb up to the top, and drink and talk. This summer!“) um endlich an ihre eigenen Stärken zu glauben („Let this be my annual reminder that we can all be something bigger“). Und das Schöne ist: Es bestehen nicht die geringsten Zweifel, dass er es ernst meint. Genau das sind diese Euphorie-Schübe, für die die Band so dermaßen geliebt wird. Es bleibt aber gar nicht die Zeit, sich lange und angemessen über diesen unglaublichen Song zu freuen. Das würde dem zweiten Stück der Platte „Sequestered In Memphis“, das gleichzeitig auch erste Single-Auskopplung ist, nicht gerecht. Schöner kann der warme, frohe Sommer eigentlich gar nicht vertont werden. Wenn wenig später das geradeaus rockende „Navy Sheets“ seine letzten Töne erklingen lässt, gibt es den ersten großen Bruch, der zugleich zentraler Punkt der gesamten Platte ist: „Lord I´m Discouraged“ ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, mit was für einem grandiosen „Story-Teller“ wir es hier zu tun haben, der mit absoluter Leichtigkeit Gesichtspunkte wie Religion oder Glauben in seine kleinen Geschichten rund um die Pubs Amerikas einfließen lässt. Für einen kurzen Zeitpunkt lässt sich sogar eine Art Resignation im Kampf um die große Liebe des Lebens nicht verleugnen („I know it’s unlikely she’ll ever be mine. So I mostly just pray she don’t die“). Gut, dass wenig später der Titeltrack folgt, der in diesem Frühling live schon zu einem der absoluten Klassiker avancierte. Einen besseren Schlusspunkt als „Slapped Actress“ hätten sie auch nicht wählen können, das „Ohoho“ wird sicher noch in vielen Orten dieser Welt nachhallen. Aber im Prinzip wissen sie das eh längst selbst, wie die letzte Zeile der Platte ziemlich eindeutig verrät: „Man, we make our own movies.“

Es besteht kein Zweifel, dass die Band mit „Stay Positive“ ihr bisher abwechslungsreichstes und facettenreichstes Album hingelegt hat. Sie hat den so schwierigen Spagat zwischen Weiterentwicklung und Wiedererkennung mit Bravour gemeistert und einen mehr als würdigen Nachfolger für Boys And Girls geschaffen. Sehr auffällig ist außerdem, dass der Einfluss von Franz Nicolai am Piano deutlich größer geworden ist, was den Sound insgesamt um viele Aspekte bereichert. Eindrucksvollstes Beispiel hierfür ist der beinahe gespenstige Pianolauf in „One For The Cutters“, der den Song genau um die erforderlichen Nuancen erweitert, um ihn einzigartig werden zu lassen. Übrigens konnten auch für diese Platte wieder einige Gast-Musiker hinzugewonnen werden: So spielt beispielsweise J Mascis von Dinosaur Jr Banjo auf „Both Crosses“, während Ben Nichols (Lucero) und Patterson Hood (Drive-By Truckers) einigen Songs durch ihre Stimme zu noch mehr Ausdruckskraft verhelfen.

Manch einer wird der Band jetzt vorwerfen, eingängigen Stadionrock zu produzieren. Andere mögen die Texte Craig Finns und die häufig gleichen Schauplätze kritisieren. All das ist aber gänzlich zu vernachlässigen, wenn die Band weiterhin so authentisch ihre Songs vorträgt und Craig auch in Zukunft so viel Liebe und Ehrlichkeit in seine einfach nur wunderbaren Texte steckt und uns an seinen Weisheiten teilhaben lässt („’Cause dreams they seem to cost money – But money costs some dream“). Das Gute hat vorerst wieder gewonnen. Das Leben wird weitergehen. Und Bier gibt´s ja auch gleich um die Ecke;)

9.0 / 10

Label: Vagrant / Rough Trade / Beggars

Spieldauer: 43:56

Referenzen: Lucero, Bruce Springsteen, The Replacements, Drive-By Truckers, Guided By Voices, The Wrens, Built To Spill

Links: Homepage, MySpace, Vagrant

: 11.07.2008 (Deutschland)


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Ein Kommentar zu “Review: The Hold Steady – Stay Positive (2008)”

  1. florian sagt:

    da zückt er die 9. ist annehmbar. hier muss auch mal mehr kommentiert werden.

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