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Review: No Age – Nouns (2008)

Here should be my home

Es sind diese Momente, die die Musik immer wieder für einen bereit hält. Die, für die es sich so sehr lohnt, überhaupt so viel Zeit mit ihr zu verbringen. Es mag ein ganz kurzer Moment sein, in Echtzeit vielleicht gar nicht zu messen. Von da an liebst Du eine Band. Ein wohl altbekanntes Phänomen. Oder einfach nur die Gabe der Musik, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Stimmung zu treffen? Jedenfalls scheinen in solchen Augenblicken die erlebte Situation und die wahrgenommene Musik zu einem großen Ganzen zu verschmelzen. Es müssen gar dabei gar nicht immer die vermeintlich großen Momente sein, manchmal reicht ein Blick aus dem Zug in ein leerstehendes, verlassenes Gebäude irgendwo in den letzten Winkeln des Ruhrgebiets. Wenn die Musik samt ihrer künstlerischen Ausgestaltung jetzt auch noch so großartige Assoziationen auslösen kann, dass einem unweigerlich das Cover der ersten noch über Fat-Cat erschienenen LP von No Age, „Weirdo Rippers“, einfällt, ist es der nur logische Schluss. Das Cover zeigt nämlich das in Los Angeles längst zum Kult emporgestiegene The Smell, u.a. Treffpunkt für Punk, Noise und Independent, in dem No Age vor knapp 2 Jahren, im April 2006, ihr erstes Konzert gaben. Hier schließt sich dann wohl der Kreis. Unabhängig davon ist es nun einmal der Mittelpunkt einer überaus interessanten Posse, die neben dem Drummer und gleichzeitigen Sänger Dean Spunt und Gitarrist Randy Randall von No Age auch noch unendlich viele weitere außergewöhnliche, äußerst attraktive Bands wie Abe Vigoda, Mika Miko oder The Mae Shi zu bieten hat.

Seit dem April 2006 hat sich nun eine Menge getan. Unzählige, außerordentlich intensive Konzerte, mehrere EPs, von denen einige den Weg auf die liebevoll zusammengestellte erste LP Weirdo Rippers geschafft haben, ein eigenes Label namens PPM! Records und zahlreiche Ausflüge in künstlerische Gefilde haben ihre Spuren hinterlassen: No Age sind längst über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, ihre Konzerte erfreuen sich inzwischen zahlreicher begeisterter Besucher. Und nicht ganz unbedeutend: Ein Label namens Subpop klopfte kürzlich bei den zwei Herren an, um die neue Platte „Nouns“ nun auf diesem Wege zu veröffentlichen. Die erste Überraschung hält das Album schon bereit, bevor es überhaupt den Weg in den CD-Player findet. Ein atemberaubendes, 68-seitiges Booklet gilt es hier erstmal zu durchforsten, immer wieder durch unbedruckte, farbige Seiten getrennt. Zu finden sind u.a. Fotografien von Randy und Dean, die neben dem Smell, PPM und dem LA River auch einen mitten im Getümmel singenden Dan Deacon zeigen. Dieser Freak mag wohl ähnliche Begeisterungsströme auszulösen imstande sein, insofern macht diese Verbindung durchaus Sinn.

Musikalisch verfolgen No Age konsequent ihren schon vorher eingeschlagenen Kurs. Noch deutlicher als beim Vorgänger kristallisiert sich hier der eigene, unverkennbare Sound heraus. Noise vs. Pop. No Wave vs. Rock. Punk vs. Ambient. Wobei gerade letzterer Einfluss im Vergleich zur ersten LP etwas in den Hintergrund gerückt ist und somit gezielter eingesetzt werden kann wie in „Keechie“, sozusagen als Ruhe vor dem Sturm. So leitet dieses Instrumental-Stück den darauffolgenden Über-Song „Sleeper Hold“ ein, das kraft seiner treibenden, pumpenden Drums, dem verlockenden Punk-Spirit und seinem unwiderstehlichen Refrain überhaupt keine Kompromisse eingeht. Hier wird mal eben locker alles niedergewälzt, was nicht eh schon am Boden lag. With passion he choose the one he´s like. With passion he´s ruined. Wie wahr, wie wahr. Ein ähnlicher Hergang wiederholt sich dann bei den zwei darauffolgenden Songs. Es ist die Kunst zu erkennen, wann zu viel Noise, zu viel Kraft, zu viel Geschwindigkeit einen das eigentliche Tempo gar nicht mehr erkennen lassen. Genau in diesem Moment rudern No Age kurz zurück, nur um sich und dem Hörer Gelegenheit zu bieten, die Extreme nochmals am eigenen Körper spüren zu lassen. Das auch von den Times New Viking bekannte klanglich Verzerrte spielt natürlich auch hier weiterhin eine tragende Rolle. Aber nur bis zu einem gewissen Grad. No Age haben es geschafft, ihren eigenen Musikkosmos zu kreieren. Einmal gefangen, gibt es kein Zurück. Weitere Belege hierfür sind das sich langsam aber völlig zielsicher aufbauende „Eraser“, gleichzeitig erste Singleauskopplung, oder das herrlich brachiale „Teen Creeps“. Alles gerade so weit vertrackt und versteckt, dass es zwar Zeit kostet, die Songs zu erarbeiten, dafür aber mit größtmöglicher Belohnung lockt. Sollte es nicht das Ziel eines jeden Musikers halbwegs künstlerischen Anspruchs sein, unverkennbare Musik schreiben zu können und somit Teil der Geschichte zu werden? No Age und die gesamte Smell-Umgebung jedenfalls befinden sich auf einem guten Weg. Wen das immer noch nicht überzeugen mag, der begebe sich bitte umgehend auf eines der zahlreichen Konzerte. Für wie viel Wirbel allein zwei Personen doch sorgen können, ist aufregend und besorgniserregend zugleich.

Wer jetzt noch wissen möchte, woher der Name der Band stammt, dem sei ein SST Sampler aus dem Jahre 1987 ans Herz gelegt, auf dem u.a. Black Flag enthalten sind. Dieser heißt nämlich No Age und könnte die Band gar nicht besser beschreiben. Der Bandname entspricht auf der einen Seite der damaligen, von Black Flag maßgeblich geprägten Do-it-yourself-Ethik und stellt zusätzlich den Bezug zu ihren eigenen Soundeinflüssen her, die nicht selten auf Elemente der Ende der 70er Jahre als Antihaltung zur immer weiter verbreiteteren New Wave-Hysterie entstandenen New Yorker No Wave-Szene zurückzuführen sind. Diese Jungs haben aber auch wirklich an alles gedacht.

Wertung: 90

Label: Subpop (Cargo)

Laufzeit: 30:43

Referenzen: Mika Miko, Abe Vigoda, Liars, Deerhunter, Times New Viking, Black Flag, Health, The Mae Shi, DNA, The Germs, Mars, The Thermals

am 03.05.08 in ähnlicher Form für popcultures.de verfasst

Ein Kommentar zu “Review: No Age – Nouns (2008)”

  1. [...] Eindruck des kommenden Albums von No Age, immerhin der Nachfolger einer unserer äußerst raren 90-Prozenter. Doch damit nicht genug: Reinhören solltet ihr auf jeden Fall auch in The Bewitched Hands On Top [...]

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